Befreit die Bücher aus ihrer Ecke
Aura-Farming für Garten-Center
Bücher erlangen als Antidot zur Unberechenbarkeit der digitalen Entwicklungssprünge frische Relevanz. Mit Büchern lässt sich neuerdings offensichtlich sehr effektiv „Aura-Farming” betreiben. Umso erstaunlicher, dass sie im Garten-Center weiterhin stiefmütterlich behandelt werden und in einer Ecke ein unambitioniertes Dasein fristen. In der Integration und Inszenierung von Büchern in allen Sortimentsbereichen der Garten-Center liegt ein gewaltig unterschätztes Potential.
Bibliothek als dramaturgische Kulisse
In Zürich ist die Library im B2hotel mit ihren über 33’000 Büchern und den Bierflaschen-Kronleuchtern ein Begegnungsort mit intellektueller Aura.
Die japanische Marke Marlmarl nutzt das angedeutete Ambiente der Bibliothek als Inszenierung der heilen, analogen Welt, welche sich wohl die meisten Menschen für Kleinkinder wünschen. Die Marlmarl-Babykleider sowie die Fotografien des Studio Marlmarl erhalten dadurch einen zauberhaften Rahmen, welcher Träume weckt.
(Marlmarl expandiert auch international. Vielleicht ein ansprechendes Ergänzungssortiment auch für Garten-Center?)
Buchhandlung als Begegnungsort
Tsutaya integriert in seinen Buchhandlungen vielfältige Gastronomiekonzepte. Einerseits als „Book & Cafe”-Zusammenarbeit mit Starbucks, andererseits durch die Eigenentwicklung des „Share Lounge”-Konzepts sowie die gediegene Anjin Lounge als hochwertiges Restaurant. Entwickelt und betrieben wird das Konzept von der innovativen Culture Convenience Club Co., Ltd. (CCC): „We are a company with the mission of ‘Creating Culture Infrastructure.” So sollten sich doch auch Garten-Center verstehen.
Off-the-beaten-track Bookshop
Im komplett Gegensatz dazu führen Angela Hill und David Owen ihre Buchhandlung IDEA in London. Sie wollen „bestgehütetes Geheimnis” bleiben und vermeiden Verweildauer sowie Promotion via soziale Netzwerke. Kürzlich fragte die britische Tageszeitung The Times: „Is this the coolest bookshop in the world?”
„I am drawn to books that are very flawed or strange. Glorious failures and follies, and things like that. They’re the most inspiring things you can have sometimes, rather than everything being perfect all the time, which can be a bit demoralising.”
„Ich fühle mich zu Büchern hingezogen, die mangelhaft oder seltsam sind. Herrliche Fehlschläge und Narretei und solche Dinge. Das sind manchmal die inspirierendsten Dinge, die es gibt – ganz im Gegensatz dazu, wenn immer alles perfekt ist, was ein wenig demoralisierend sein kann.”
— Angela Hill
Buchhandlung mit dem gewissen Etwas...
In der Buchhandlung Appenzell gibt es das Angebot „Einschliessen & Geniessen”: „Sie wollten sich schon immer einmal für ein paar Stunden in einem Bücherladen einschliessen lassen – ungestört in schönen Büchern schmökern und Zeit alleine, mit Freunden oder Gleichgesinnten im Laden geniessen? Bei uns ist das möglich! Um das geistige Abenteuer abzurunden, stellen wir Ihnen einen kleinen, feinen Apéro bereit.” Bestimmt gäbe es auch Menschen, welche sich gerne einmal zusammen mit Freundinnen in einem Garten-Center einschliessen lassen würden.
Spezialbuchhandlungen
Stanfords Bookshop in London – die grosse Spezialbuchhandlung für Landkarten und Reiseliteratur. Edward Stanford (1827–1904) hatte sein Leben lang eine ausgeprägte Vorliebe für Landkarten. Im Jahr 1853 übernahm er in London ein Geschäft, das u. a. auch mit Karten handelte, und baute dieses unter seinem Namen in eine Spezialhandlung aus. Bis heute gibt es in der Buchhandlung das Spezialangebot, sich spezielle Karten oder Ausschnitte daraus in verschiedenen Grossformaten individuell drucken zu lassen.
Was hat das nun alles mit Garten-Centern zu tun?
Bücher – analoges Fachwissen – gehören zum Narrativ des Garten-Centers als Kompetenzort im natürlichen Umfeld im Ausgleich zur digitalen Welt. Als Ergänzung zu gärtnerischen Kernkompetenzen verstärken Buchsortimente die Aura der analogen Kompetenz. Dies wird selbstverständlich nicht erreicht, wenn es im Garten-Center bloss eine Bücherecke gibt.
Nein, Bücher müssten als Genussprodukte in weite Teile der „trockenen” Verkaufsfläche integriert werden. Und das Sortiment darf nicht auf Ratgeber ausgerichtet sein. Auf deren Inhalte wird mittlerweile zweckdienlicher online zugegriffen. Vielmehr sollte das Sortiment auf Genusslektüre ausgerichtet sein, der man sich bewusst analog hingeben will – genauso wie dem Umgang mit Pflanzen.
Auch darum ein „perfect match”: im Sinne des Anspruchs auf eine analoge Genussdestination – quasi als Erweiterung des Treffpunkts für Gartengeniesser. Oder neudeutsch formuliert: für das Aura-Farming.
Devon Turnbull x Karimoku (Gut sortierte und dramatisch inszenierte Fachliteratur als wesentlicher Teil des Ausstellungserlebnisses.)
Takayama Gateway - auch in dieser modernenen Überbauung fügt sich eine gut sortierte Bücherauslage in das Gesamterlebnis ein.
„Book & Cafe” - Starbucks @ Daikanyama T-Site (Thee TSUTAYA for grownups)
Gut kuratierte Auslage @ Daikanyama T-Site .









