Lernen in Japan
Ein kleiner, illustrierter Erkenntnisbericht.
Ende März 2026 reiste ich als Teil einer Delegation des International Garden Center Verbands gemeinsam mit Mitgliedern aus Europa, Südafrika und Nordamerika nach Tokio. Gerne teile ich eine kleine Auswahl an Fotos, in der Hoffnung, dass dies Ideen anregt und vielleicht auch etwas Reiselust weckt.
Japans Beziehung zur Natur – sie zu ehren, zu erheben, mit Zurückhaltung und als Handwerkskunst zu kommerzialisieren – ist etwas, von dem jedes Garten-Center profitiert, wenn man es selbst vor Ort erleben darf. Nächste Gelegenheit ist der IGCA-Kongresses in Tokio vom 17.–22. Oktober 2027 – bitte vormerken! Weitere Informationen unter www.intgardencentre.org.
Aber an dieser Stelle, sehen Sie Japan zuerst einmal durch meine Brille...
Tokio – Weltklasse-Warenpräsentation
Tokio beherbergt weltklassigen Einzelhandel aller Art – Garten-Boutiquen, Modehäuser, handwerkliche Lebensmittelstände und architektonische Wahrzeichen – alle vereint durch ein kompromissloses Engagement für Ästhetik und Präsentation. Gutes Merchandising ist gutes Merchandising, egal ob Brillen oder Sukkulenten verkauft werden. Der Punkt ist, die Aufmerksamkeit der Käuferinnen zu fangen und sie zu inspirieren!
Golden Goose HAUS – Tokio
In ihrem Flagship-HAUS zeigt die italienische Modemarke Golden Goose, wie man über ein Ladenkonzept selbst in reizüberfluteten Einkaufsdestinationen wie Tokios Ginza-Distrikt Aufmerksamkeit weckt. Vor den Augen der Besuchenden wird an der Ware – Edelsneaker aus Leder – Hand angelegt: Mit handwerklicher Bearbeitung wird den Schuhen ein letzter Schliff verpasst, so dass den Kunden beim Kauf stets ein Paar Unikate ausgehändigt wird. Ganz nach Wunsch nimmt die Kundschaft Einfluss auf den finalen Look und verleiht den Sneakern durch Hinzufügen zusätzlicher Accessoires, Schnürsenkel und anderer Dekors eine individuelle Note.
Gentle Monster – Ginza Flagship, Tokio
Die südkoreanische Luxus-Brillenmarke Gentle Monster schafft Erlebniswelten, in denen das Produkt, um das es eigentlich geht, fast beiläufig vorkommt. Die Läden ähneln durch die aufgestellten Kunstinstallationen eher einem Museum für moderne Kunst als einem Brillengeschäft. Zwischen Roboter-Köpfen, riesigen Bildschirmen, auf denen Videokunst abgespielt wird, und futuristischen Installationen finden sich die minimalistischen Brillenregale mit zuweilen ausgefallenen Modellen.
Lost in fashion… – Dover Street Market – Ginza
Neben Skulpturen, Fotografien und anderen Werken zeitgenössischer Kunst zieht sich das Ursprungskonzept des „schönen Chaos” durch die japanische Dependance des legendären Modemarkts der Luxusklasse. Jede Ecke des Kult-Ladens sieht anders aus und ist weit entfernt von konventioneller Ladeneinrichtung. Inspirierende Büchersortimente werden stilprägend mit den Modesortimenten als Zusatzverkäufe vermählt. Die musikalische Untermalung im Hintergrund wird eigens für den Store von einem Sound-Künstler produziert.
Wakō – Ginza Warenhaus
Überall in Tokio werden die Warenpräsentationen durch zuweilen aufwändige, echte florale Installationen aufgewertet. Andererseits finden parallel auch verschiedene Ausstellungen mit Kunst und Kunsthandwerk statt, die immer öffentlich zugänglich sind.
T-site Daikanyama – die wohl schönste Buchhandlung der Welt
Die Tsutaya Buchhandlung im beschaulichen Daikanyama-Viertel wird ihrem Motto „Eine Bibliothek im Wald” gerecht. Der Name leitet sich von einer historischen Bezeichnung für „Efeuladen” ab. Drei Gebäudeflügel sind entlang eines Weges miteinander verbunden. Von dieser baumstammartigen Hauptader verzweigen sechs Buchabteilungen nach Kategorien. Im Komplex befinden sich auch mehrere Gastronomiekonzepte.
„God Bless Butter” – Tokio City Station
Einfachheit herrscht in diesem winzigen Laden im Untergrund des Bahnhofs. Lediglich drei Produkte, die Buttergebäcke feiern, werden angeboten. (Ich weiss, ich war auch skeptisch...) Eine karge, stilvolle Präsentation mit Deckenspiegeln, die den Effekt unendlich vervielfachen. (Eine 10-minütige Wartezeit für den köstlichsten Bissen, den man sich vorstellen kann, hat sich gelohnt! Gott segne Butter, tatsächlich!)
Garten-Einzelhandel in Tokio – Green Gallery & Ozaki Flower Park
Green Gallery Gardens – Pflanzen & Dachlinie
Pflanzen auf rustikalen Holzregalen unter der dramatischen A-förmigen Dachlinie von Green Gallery – bescheidene Materialien, auffällige Komposition.
Green Gallery Gardens – Aquascaping
Moosquadrate in einer prominenten Präsentation angeboten. Ist Moos ein Impulskauf? Vielleicht! Mindestens für Wabikusa, die kunstvoll bepflanzten Mini-Landschaften in Glasgefässen. Sie bestehen aus moosbewachsenen Strukturen, die mit emersen (über Wasser wachsenden) Aquarienpflanzen bestückt sind. Eine beeindruckende Sortimentstiefe.
Green Gallery Gardens – Bizarre Pflanzen
Die Vielfalt an skurrilen Pflanzen mit spezieller Inszenierung ist beeindruckend. Die moderne Ausprägung dieser traditionellen Kunstform ist heute sogar Teil der Popkultur. Als Beweis kann auf die Ausgabe 1030 von „Brutus” (ブルータス) verwiesen werden, ein zweiwöchentlich erscheinendes japanisches Männermagazin, das sich der Popkultur, dem Lifestyle und der Kultur in Tokio widmet.
Der Impuls-Stopp – Green Gallery
An jedem Verkaufstisch mit Pflanzen wird eine kleine, liebevoll arrangierte Kombination der am Tisch verfügbaren Pflanzen auf einem Podest kunstvoll präsentiert. Eine unglaublich charmante Inszenierung. Unweigerlich lässt man sich auf einen Rundgang ein, um keines dieser kleinen Kunstwerke zu verpassen.
Arrangement Bar – Ozaki
In unserem Kulturraum heisst es „Pflanztisch”. Wie viel charmanter ist die Bezeichnung „Arrangement Bar”? Gärtnerinnen und Gärtner als hippe Barkeeper, welche moderne Trends aufnehmen und mit ausgefallenen Zutaten für neue Geschmackserlebnisse sorgen – statt im Cocktailglas im Pflanzgefäss.
Vintage, pre-loved, second-hand & neu – Green Gallery
Vintage und Second-Hand sind auch in Tokio grosse Trends. In vielen Modeboutiquen kann ich als Mann kaum mehr unterscheiden, ob Pre-loved-Fashion präsentiert oder auf Vintage gemachte, neue Kleider angeboten werden. Dieser Trend wurde für Gartenartikel auf einer ganzen Etage mit einer interessanten Vermählung aufgenommen.
Garden Hospital - Verpackung
Ich habe die durchsichtigen Flaschen mit der minimalistischen einfarbigen Beschriftung geliebt. Es gibt ein „gehobenes”, vertrauenswürdiges Gefühl, obwohl es nur ein Pflanzenstärkungsmittel ist!
Unperfektion als Qualität – Ozaki
Pflanzen mit exzentrischen Wuchsformen bilden grosse Teile der Zimmerpflanzensortimente. Was bei uns als unverkäuflich gilt, hat in Japan einen besonderen Stellenwert. Vielleicht auch bei uns ein Versuch wert?
Industrie-Chic – Ozaki
Die Warenträger für die Zimmerpflanzenpräsentation gleichen den Gerüstbauten einer Baustelle. Den Pflanzen verhilft dieser Minimalismus zu einer modernen, urbanen Aura.
Aoyama Flower Market
Von Impulskauf-Bouquet für unter CHF 5 bis zu einem Abendempfang, bei dem Essenspräsentationen wie lebende Kunst aussahen – Tokio demonstriert konsequent, dass Schönheit im Einzelhandel nicht optional ist. Es ist die Strategie.
Die Aoyama Flower Market Gruppe ist erstaunlich breit aufgestellt: Aoyama Flower Market (national & online Handel), Aoyama Flower Market (international), Blumenbinderei-Schule (hana-kichi), Blumen-Cafés (TEA HOUSE), Planung & Gestaltung (parkERs), B-to-B Geschäft (ANNEX) und die Betriebsgesellschaft (park corporation).
Bouquet – ¥990 (~CHF 4,90)
Bunt, fröhlich und unwiderstehlich niedlich – die „Life Style Bouquet”-Beschilderung erzählt die ganze Geschichte. Das Impulsprodukt, das still den Warenkorbumfang treibt, ohne ein Wort zu sagen. Wie können kleine Verführungen dem Angebot hinzugefügt werden, die es einfach machen, Stöberer in Käufer zu verwandeln?
Abendempfang: Essen als lebende Kunst
Unser Empfang zeigte Essen, das in Blüten, Laub und Glaskuppeln eingewebt war – ein Tableau, das die Grenze zwischen Floristik und Feinkost verwischte. Das Zentrumstück war eine mehr als 2,5 Meter hohe Vase mit blühenden Kirschblütenzweigen: atemberaubend!
Baumstamm-Präsentationsregale – Aoyama
Innovative Regale, gerahmt von rohen Baumstämmen, schaffen einen auffälligen Kontrast von rustikalem Holz und modernem Glas/Metall – Natur als Architektur, Produkt als Kunst.
Aoyama Flower Market & Takayama Gateway Station
Von Tokios kunstvollsten Blumencafés bis zu Boutiquen, wo frische Blumen wie feine Kunst verkauft werden – jeder Stopp unterstrich dieselbe Wahrheit: Präsentation ist das Produkt.
„Lapel” skulpturale gewebte Vasen – Aoyama
Funktionale Objekte, die zu Sammlerkunst in allen Regenbogenfarben werden. Zum Beispiel die ‘Lapel’ Vasen von Mobje (Material ist „Falthut”-gewebte Faser.) Preis ab ¥7.920+ (~CHF 40+).
Die Hiuchi-Keramik-Sammlung auf Wurzelholztisch
Diese Präsentation handgefertigter Hiuchi-Keramik auf einem Wurzelholztisch mit mehreren Etagen und fast 5 Metern Durchmesser gleicht einer Kunstinstallation. Es sieht mehr aus wie im Museum als in einem Laden!
Nicolai Bergmann – Die Galerie-Regal-Wand
Der ursprünglich aus Dänemark stammende Starflorist Nicolai Bergmann ist in Tokio omnipräsent. Seine stilprägenden, quadratischen Blumenboxen in allen Regenbogenfarben begegnen einem auf Schritt und Tritt. Interessant sind die Kombinationen mit grafischen Elementen sowie anderen Geschenkartikeln. Bemerkenswert sind auch seine Nomu Blumen-Cafés.
Musik zum Lesen – warum nicht auch zum Gärtnern?
Kankyō Records bietet spezielle Musik zum Lesen; am Morgen, Mittag oder Abend sowie bei Regen. Sofort habe ich mir gedacht, dass es so etwas auch zum Gärtnern geben müsste. Und prompt: Bei Kankyō Records tatsächlich bereits verfügbar.
Bonsai im Edelwarenhaus – Estantion
Im Edelwarenhaus Estantion wird Mode sehr kreativ mit Kunst und Natur verbunden. Wertvolle Bonsai-Bäume vom renommierten Bonsai-Kollektiv Tosho-en (桃松園) werden direkt neben den teuren Handtaschen und Accessoires von noblen Modemarken präsentiert. Auch andere Kunstgegenstände und Pflanzen werden mit den exklusiven Modekollektionen kombiniert und werten sich gegenseitig auf.
Takayama Gateway – Pflanzen im Fokus
Eine unglaubliche Vielfalt an Pflanzen-Inszenierungen wird in den Gebäudekomplexen der Takayama Gateway-Überbauung inszeniert. Bis zum über 1.000 m² grossen «schwebenden» Dachgarten auf der 28. Etage des NEWoMan Takanawa werden Natur, Architektur und Kunst verwoben. Es ist unmöglich, diese immersiven botanischen Kombinationen in Fotos einzufangen – man muss es erlebt haben, um zu verstehen.
Meine Top 10 kulturellen Beobachtungen
Jenseits aller Fotos komme ich mit Beobachtungen nach Hause, die direkte Relevanz für mein Denken über die Weiterentwicklung der Garten-Center-Branche haben – und über das Leben allgemein.
Präsentation IST das Produkt: Wie wir präsentieren, ist genauso wichtig wie was wir verkaufen. In jedem Setting, das ich besuchte, erhöht Präsentation dramatisch den wahrgenommenen Wert der Produkte.
Zurückhaltung schafft Verlangen: Überfüllte Präsentationen reduzieren Verlangen. Kuratierte Präsentationen schaffen es. Strategischer leerer Raum lässt auch mich Dinge wollen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie brauche.
Handwerkskunst befiehlt Premium-Preise: Schöne Beschriftungen und zeitgemässe Grafik sind keine optionalen Extras – sie sind die Rechtfertigung für Premium-Preise. Kundschaft zahlen mehr, wenn sie erkennen und verstehen, warum.
Natur wird geehrt, nicht nur verkauft: Japan behandelt Pflanzen und Blumen mit echter Ehrfurcht. Kommunizieren wir den emotionalen Wert dessen, was wir verkaufen – oder nur den Preis?
Gastfreundschaft ist eine Wettbewerbsstrategie: Gastfreundschaft in Japan ist kein Trainingsmodul. Es ist ein tief verankerter kultureller Wert. Tiefe und authentische Dankbarkeit für jede Interaktion war allgegenwärtig und kraftvoll. (Ich habe mich viel gebückt: „Arigatou gozaimasu.”) Die Erfahrung, die wir schaffen, mag wichtiger sein als jedes Produkt, das wir verkaufen.
Wärme transzendiert Sprache: Jeder hatte Google Translate bereit. Verbindung erfordert keine gemeinsame Sprache mehr – sie erfordert Bereitschaft und ein Smartphone.
Massstab und Serenität – Tokios Widerspruch: 40+ Millionen Menschen, und dennoch atemberaubend makellos und erstaunlich LEISE. Keine öffentlichen Mülleimer – Menschen tragen ihren Abfall nach Hause. Wie würde unsere eigene Welt aussehen, wenn wir diesen Standard anwenden würden?
Sauberkeit als kulturelle Kunstform: Die japanische Badekultur – das Onsen – ist eine jahrhundertealte soziale Institution. Und ja: hochtechnologische japanische Toiletten sind ein erstaunlicher Kontrast dazu. Erleben Sie es selbst.
„Hauskleidung” – Hotel-Uniform für Gäste: Passende Hauskleidung wird beim Check-in ausgehändigt und im Hotel überall getragen – Bar, Restaurant, öffentliche Bäder. Diese kleine traditionelle Gewohnheit macht es einfach, leicht zu reisen und komfortabel zu sein.
Die Welt ist kleiner – und reicher – als wir denken: Unsere Liebe zu wachsenden Dingen und der Glaube an die Kraft von Pflanzen, Menschenleben zu verbessern, sind Werte, die jede Kultur, die mir begegnet, teilt. Die IGCA existiert, um diese Verbindungen zu kultivieren.
ZUM ABSCHLUSS... Ich hoffe, Sie haben diesen Reisebericht als Pause von Ihrer normalen Routine genossen – danke, dass Sie sich dafür Zeit genommen haben. Vielleicht begegenen wir uns nächstes Jahr in Japan.
Bis dahin – die Welt wird kleiner mit jeder Reise ausserhalb des eigenen Postleitzahlenbereichs: anhaltende Neugier lässt uns alle wachsen!
PS: Eine melancholische Einstimmung in die japanische Alltagskultur eröffnet der Film “Perfect Days”. Sowohl jenen, welche Japan bereits gut kennen, als auch denjenigen, welche sich auf die erste Reise dorthin freuen, sei dieser Film empfohlen. In einem schönen Interview erklärt der Regisseur Wim Wenders die Hintergründe. Es hilft, den Film - und damit auch Japan - noch besser zu verstehen.


























