"What's past is prologue"
oder die mögliche Renaissance wurzelnackter Sortimente
Der Aufwand, eine Baumschulabteilung über ausgedehnte Hitzephasen hinweg zu pflegen, ist enorm. Um ein breites Sortiment an mehrjährigen Sträuchern, Bäumen und Stauden über den Sommer zu versorgen, braucht es enorm viel Wasser und Arbeitskraft. Beides sind Ressourcen, mit denen je länger, desto sparsamer umzugehen ist.
Ich bin nicht kompetent, die klimatische Entwicklung zu beurteilen. In Anbetracht zahlreicher Prognosen, die beschreiben, dass unsere Sommer wärmer sowie trockener werden, scheint es mir gleichwohl ratsam, dieses Szenario mindestens als Option in die Geschäftsstrategie aufzunehmen.
Was würde es für das gärtnerische Geschäftsmodell bedeuten, wenn die Monate Juni bis August in absehbarer Zeit aus fachlicher Perspektive nicht mehr guten Gewissens als pflanzbare Jahreszeit eingestuft werden könnten? Was wäre, wenn gewisse Interessengruppen dahingehend Stimmung machen, dass es unsinnig ist, enorme Wassermengen für die Bewässerung von Containerpflanzen zu verschwenden, deren gesundes Anwachsen und Überleben im Sommer immer weniger realistisch ist?
Wenn ich dieses Szenario als Option in der Langfristplanung mitdenke, muss ich mich damit auseinandersetzen, wieder ein Geschäftsmodell zu entwickeln, welches wurzelnackte Sortiment mitdenkt.
So manche Kolleginnen und Kollegen mögen mich ob dieser rückwärtsgewandten Idee für vollends verrückt erklären. Die Gärtnerschaft hat sich weitgehend vom Freilandanbau mit fixem Pflanzzeitraum in der kalten Jahreszeit emanzipiert. Der Wandel zur Containerkultur ermöglichte das ganzjährige Pflanzenangebot und beflügelte den Aufschwung der Branche. Es war die Zeit, als Rudi Carrell im Frühjahr 1975 fragte: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?” Er schuf eine Hymne für alle, die Sommer um Sommer den fehlenden Sonnenschein zwischen Juni und September beklagen. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?” denken mittlerweile diejenigen, die sich die verregneten Sommerwochen der verklärten Erinnerung zurückwünschen, diese feucht-kühlen mitteleuropäischen Sommermonate als ideale Pflanzbedingung.
Was aber, wenn diese dereinst tatsächlich tempi passati sind? Was wird uns anderes übrigbleiben, als von der Sommerpflanzung abzuraten, uns und der Kundschaft überfordernden Sommerpflegeaufwand zu sparen sowie absehbare Wassernutzungseinschränkungen zu akzeptieren? Wurzelnackte Sortimente könnten unter diesen Rahmenbedingungen wieder neue Relevanz erhalten — nicht zuletzt auch für den Distanzhandel.
„What’s past is prologue”, legte William Shakespeare dem Protagonisten in seinem Stück The Tempest (Der Sturm) in den Mund. „Was vergangen ist, ist Prolog”, könnte auch auf den Herbst als wiederaufkommende Hauptpflanzzeit sowie wurzelnackte Sortimente zutreffen.
Den wenigen, die in meinen Gedanken Potential erkennen, gebe ich noch eine Aussage des Markenstrategen Colin Nagy mit auf den Weg:
„In a world where a very, very good answer is quick and commoditized, the real advantage will be doing things that might not seem rational or expected.”
Und die Kommunikation gegenüber einer jungen Zielgruppe hat die Rosenzüchterin David Austin Roses via deren Socialmedia Kanäle als leuchtendes Beispiel vorbildlich inszeniert:




Lieber Erwin, das ist ein bisschen zu sehr mit der Spritzkante gedacht. Online machen wir 50% des Umsatzes nach Woche 24/25. aber Gartencenter verkaufen ja eh keine Pflanzen mehr. Grill und Dekozeugs muss man nicht bewässern. Also was ist Dein Problem?