„We covered the wrong half.”
…und was der Internationale Garten-Center-Kongress damit zu tun hat.
Ich gelte gemeinhin als Schwarzmaler und Pessimist. Mein Blick auf den Markt, das Verhalten der Branche sowie die Entwicklung im eigenen Familienunternehmen stösst regelmässig auf Kopfschütteln und Unverständnis. Ich werde als «Schlange» wahrgenommen, welche im «gemachten Nest» hinterhältig Kritik übt, Skepsis säht und Zukunftsangst schürt.
Tatsächlich kann ich mich mit der Schlange sehr gut identifizieren. Schlangen besitzen ein hochentwickeltes Wahrnehmungssystem, mit welchem sie feinste Erschütterungen registrieren, die für Menschen unmerkbar sind. Vieles deutet darauf hin, dass Schlangen am frühesten und feinsten auf bevorstehende Beben reagieren.
Das passt gut zu mir: Ich glaube absehbare Erschütterungen am Markt wahrzunehmen, weit bevor diese offensichtlich werden. Dementsprechend mache ich mir zu Risiken und Chancen Gedanken, lange bevor «etwas losgeht». Umso mehr ärgert es mich, wenn in meinem Umfeld Themen erst beim tatsächlichen Eintreten von Ereignissen aufgegriffen werden.
Daher hat mir Vaughan Smith mit dem Essay zu seinem im Eigenverlag herausgegebenen Buch aus dem Herzen geschrieben: «Wir beschreiben die falsche Hälfte» (der Geschichte).
Der ehemalige Kriegsberichterstatter äussert sein Missfallen, dass erst das Eintreten einer Eskalation die Schlagzeilen und Gespräche dominiert. Dabei liegt der Ursprung immer im Heute und im Jetzt, im Stillen, ohne dass es etwas Aufsehenerregendes zu dokumentieren gibt. Für unspektakuläre Frühwarnsensorik mit Ideen für zuweilen schwierig zu erklärenden, vorsorglichen Gegenmassnahmen bleibt im lauten Alltag kaum Gehör.
Ich bin darum ein grosser Verfechter von Berichterstattung, welche persönliche Wahrnehmung und Einordnung direkt vor Ort dokumentiert. Es ist für mich Ehrensache, seit vielen Jahren Mitglied im Frontline Club zu sein. Er wurde 2003 von Vaughan Smith und seiner Frau Pranvera Smith gegründet und ist Londons Treffpunkt für Kriegsberichterstatter und aussenpolitisch Interessierte – ein Club, in dem unabhängiger Journalismus gefördert, debattiert und gewürdigt wird. Er verbindet eine Geschichte, die in den Kriegszonen der Welt begann, mit einem intellektuellen Forum mitten in London. Vaughan Smith wollte einen Ort, an dem Journalisten am Lagerfeuer sitzen und von Geschichten verstehen lernen. Und das ist doch genau auch die Idee des Internationalen Garten-Center-Kongresses.
Nicht zu verleugnen sind dabei in beiden Fällen gewisse Evelyn Waugh-Fantasien. Der britische Schriftsteller beschreibt in seinem Roman Scoop das romantische Selbstbild einiger Auslandskorrespondenten, für welche der Foreign Correspondents’ Club als Ort dient, an dem man Geschichten austauscht, trinkt und sich als Teil einer legendären Zunft fühlt. Nichts anderes ist der Internationale Garten-Center-Verband und sein jährlich stattfindender Kongress.
Immer wieder wird argumentiert, dass dieses Format aus der Zeit gefallen ist. Ein Unding im digitalen Zeitalter. Dabei geht es um den reellen Verfall grenzüberschreitender Verständigung. Niederschwelliges Engagement zur Erhaltung von Stabilität geht verloren, wenn es keine Pflege und Wertschätzung erfährt. Oder wie es die Unterzeile zum Buchtitel The Extraction Pattern von Vaughan Smith zusammenfasst: Ein Kriegsberichterstatter über die Verteidigung, die wir errichtet, verloren und wiederaufbauen können. (“A war reporter on the defence we built, lost and can build again.”)
In diesem Sinne: Auf zum nächsten Internationalen Garten-Center-Kongress! Die beste Plattform, um gemeinsam über Grenzen hinweg authentisch Entwicklungen über die Branche hinaus wahrzunehmen und zu diskutieren. Nur so gelingt es, Weichenstellungen für den Frieden und Erfolg von morgen bereits im Heute wahrzunehmen.
PS:
Das Buch von Vaughan Smith eignet sich übrigens hervorragend für längere Busfahrten zwischen den Kongresdestinationen.


