Vom Wegwerf- zum Erlebnis-Modell: Wie Gartencenter Reparatur und Secondhand integrieren können
Reparaturdienstleistung als erlebbare Servicequalität
Reparieren statt Wegwerfen wäre das Gebot der Stunde. Leider „beisst“ sich diese Erkenntnis mit dem etablierten Detailhandels-Ertragsmodell, in dem das Volumengeschäft mit günstigen Produkten am einfachsten Wertschöpfung generiert. Eine Alternative für dieses System zu etablieren, erfordert Individualismus und Mut zum betriebswirtschaftlichen Risiko.
In den seltensten Fällen ist hinterhältig geplante Obsoleszenz der Grund für mangelnde Langlebigkeit. Es sind vielfältige Anreize, welche Produkte immer günstiger werden lassen. Aber günstiger geht meist auf Kosten von Qualität. So beginnt ein Teufelskreis: Der Reparaturaufwand nimmt stetig zu, steht aber in keinem Verhältnis zum Preis eines günstigen Neukaufs.
Die Repair-Café-Bewegung unter dem Dach der Stiftung für Konsumentenschutz hat ein gutes Netzwerk etabliert, um zu sensibleren und zu reparieren. Das Konzept basiert jedoch ausschliesslich auf unbezahlter Freiwilligenarbeit und kostenlosen Reparaturen. Es fehlt ein Ansatz, Reparaturen eine Wertschöpfung im wirtschaftlichen Umfeld zu ermöglichen. Letzteres wäre eine wichtige Voraussetzung, um den Handel dazu zu bewegen, seine Sortimente wieder als „reparierbar” zu entwickeln.
Dies erfordert das aufeinander Zugehen von Repair-Cafés und Handel, um neue Formen der Kooperation zu finden. Es sollten sich Wege finden lassen, um einander weder gegenseitig auszunutzen noch zu kannibalisieren. Das gemeinsame Ziel eines Paradigmenwechsels in Bezug auf Reparierbarkeit sollte Raum für kreative und innovative Ansätze bieten. Dabei kommt dem Handel die Aufgabe zu, dem Thema Reparatur eine prominente Ansprache und Platzierung zuzugestehen. Bislang mied man es wie der Teufel das Weihwasser, beim neuen Produkt auf die Möglichkeit eines Defekts hinzuweisen.
Selbstverständlich wird es kaum möglich sein, den zeitintensiven Prozess einer Reparatur uneingeschränkt kostendeckend zu kalkulieren. Es bedarf einer cleveren Kombination aus diversen Wertschöpfungsströmen sowie einer emotionalen Dramaturgie und einladenden Inszenierung. Dazu gehören integrierte Gastronomie, ein DIY-Bereich, 3-D-Druck, eine Kinderwerkbank, ein Secondhand-Geräte-Sortiment, Kursangebote sowie professionelle Unterstützung. Zusätzlich zum Werkstatt-Know-How sind in gleichem Masse agogische Kompetenzen gefragt. Neben wochentags spezifischen Reparaturdienstleistungen (z. B. Schleifservice jeden Dienstagnachmittag) gibt es auch Express-Angebote sowie saisonale Reparatur-Schwerpunkte.
Bicycle Cafes: Where Coffee Meets Chain Grease & Community (Shania Marks)
Natürlich braucht es Innovationsgeist, Adaptionsbereitschaft und Durchhaltewillen, um dem etablierten Wegwerfgeschäftsmodell ein deutlich aufwändigeres Reparaturdienstleistungs-Ergänzungsmodell an die Seite zu stellen. Mut machen diesbezüglich Trends in anderen Sektoren. Wem ist es nicht aufgefallen? Egal in welches Land man reist, sind allenthalben Secondhand-Konzepte im Aufwind. Selbst Luxusmarken organisieren für ihre Kundschaft unter der Bezeichnung „Certified Pre-Owned” (CPO) die Weitervermittlung von „Pre-Loved”-Gegenständen (z. B. Bucherer oder Rolex). Pflege- und Reparatur-Dienstleistungen werden prominent beworben (z. B. Hermes). Auch Pflanzen-Brockis sind keine Seltenheit mehr (z. B. in Zürich oder Bern), und Secondhand-Plattformen professionalisieren kontinuierlich ihre Angebote und Dienstleistungen (z. B. Marrkt, Reawake). Immer häufiger werden sogar Neuprodukte im Secondhand-Stil präsentiert. Auf einer Store-Check-Tour zusammen mit einem jüngeren, niederländischen Kollegen fiel es uns beiden schwer, zwischen Neu- und Secondhand-Sortimenten eindeutig zu unterscheiden.
Mittlerweile befremdet es mich bereits, dass in Gartencenter-Sortimenten ausschliesslich alles makellos neu angeboten wird.
Aber zurück zur Verknüpfung von Sortimenten und dazugehörenden (Reparatur-) Dienstleistungen. Gute Vorbilder für Gartencenter sind schicke, urbane Fahrradhändler, die auf ihren Verkaufsflächen neben den Fahrrädern Gastronomie sowie Werkstatt ineinanderfliessen lassen und dadurch ein lebendiges Gemeinschaftsgefühl kreieren (z. B. die Werkstatt Inszenierung des Cycle-Store-Zürich oder das Clubhouse Konzept von Rapha). Das Prinzip erklärt Adam David Smith sehr anschaulich im GDI Trend-Update zum Thema „Die emotionale Kraft physischer Läden”.



