Uniform – und langweilig
Darf (oder muss) es ein bisschen mehr "Verkleidung" sein?
Zu Gunsten von Konformität und um Widerspruch aus dem Weg zu gehen, fristet Arbeitsbekleidung von Garten-Center-Mitarbeitenden ein Mauerblümchendasein. Allenthalben sind Uniformität, Effizienz und Witterungsbeständigkeit die Basis für einen uninspirierten, den kleinsten gemeinsamen Nenner fokussierenden, modisch langweiligen Einheitsbrei. Der Anspruch an das ganzheitliche Einkaufserlebnis als einzige Gegenwehr zur Online-Konkurrenz hört dort auf, wo die Auseinandersetzung mit den modischen Befindlichkeiten der Mitarbeitenden beginnt. Wie lange werden wir uns diese verpasste Chance wohl noch leisten können?
Selbstverständlich habe ich als Verkäufer Verständnis dafür, dass sich Kolleginnen und Kollegen nicht als Clowns für jeden Garten-Center-Zirkus verkleidet sehen möchten. Auch ist es anspruchsvoll, den klimatischen Herausforderungen im gärtnerischen Umfeld einigermassen uniform standzuhalten. Aber wenn ich an die Gastronomie denke, wo sich das Servicepersonal auch bei grösster Hitze elegant livriert der zuweilen erdrückenden Hitze stellt – immer quasi selbstverständlich dem Gesamterlebnis dienend –, frage ich mich, ob etwas mehr Erlebnisverständnis auch von der bedienenden Gärtnerschaft eingefordert werden dürfte. In Anbetracht der Herausforderungen, denen die Garten-Center-Branche entgegenblickt, gilt es wohl zwangsläufig, über den eigenen Schatten zu springen.
In vielen Branchen wurde erkannt, dass die passende «Verkleidung» nicht ausschliesslich im Theater unverzichtbare Grundlage für die gelungene Inszenierung ist, sondern auch für das stationäre Einkaufserlebnis. Als Beispiel sei nochmals auf das Gastgewerbe verwiesen. Für jedes grössere Hotel ist es selbstverständlich, dass unterschiedliche Funktionen für das Gesamterlebnis verschiedene Rollen spielen und daher auch unterschiedlich bekleidet sind. Die Conciergin trägt ein anderes Outfit als der Poolboy, die Gouvernante ein anderes als der Kellner, die Rezeptionistin etwas anderes als ihre Kollegin hinter der Bar.
Mein derzeitiges Lieblingsbeispiel, welches ich für Garten-Center gerne als Vorbild vorschlage, ist die Guinness Open Gate Brewery in London. Für 90 Mitarbeitende wurden von NO Uniform 30 unterschiedliche Stile kreiert. So vielfältig muss es für Garten-Center bestimmt nicht sein, aber etwas mehr Vielfalt als heute üblich scheint mir unumgänglich, wenn man einem grundlegenden Anspruch an Erlebniseinkauf genügen möchte.
Ein Gastgewerbe, in dem alle dasselbe Tenue tragen, gleicht einer uninspirierten Fabrik. Und ist es nicht exakt das, was so manches Garten-Center derzeit repräsentiert? Wäre es zugunsten des Erlebnischarakters nicht erfolgversprechender, wenn den Kompetenzen der Mitarbeitenden auch modisch kreativ Ausdruck verliehen würde? Baumschulistinnen als kauzige und bodenständige Naturmenschen, Gemüsegärtner als kulinarisch-affine Genussmenschen, Staudengärtner als naturverbundene Ökologen, Pflanzenschutzberaterinnen als akademisch orientierte Expertinnen, Zimmerpflanzenverkäufer als kreative Interiordesigner?
Ziel sollte es sein, dass sich die Kundschaft durch den von den Angestellten vorgelebten Stil noch näher mit ihrer eigenen Leidenschaft und ihrem Lieblings-Treffpunkt für Pflanzenfreunde verbunden fühlt. Man stelle sich vor, die Kundschaft könnte sogar dazu verleitet werden, sich die vorgelebten Stilwelten anzueignen und sich dementsprechend selbst einzukleiden. Dann wären wir schnell beim derzeitigen Trend zu stilvollem Merchandise, das nicht nur als Souvenir dient, sondern die eigene Leidenschaft zum Tragen bringt.
Nochmals Guinness als Beispiel: Gemeinsam mit der ausgefallenen Streetwear-Marke «Lazy Oaf» wurde eine limitierte Kooperationskollektion eingeführt. Unter dem Titel «What’s the Rush?» ist die 25-teilige Kollektion von der Vorfreude inspiriert, die man empfindet, wenn man darauf wartet, dass sich ein gutes Pint Guinness setzt, sowie von deren legendären Werbekampagnen. Die Kollektion ist exklusiv im «Guinness Good Things»-Store der Guinness Open Gate Brewery in der Londoner Neal Street in Covent Garden erhältlich. Dies ist der Auftakt zu einer ganzen Reihe von sich abwechselnden, exklusiven Markenkooperationen, die für diesen Standort geplant sind und die Markenidentität nachhaltig prägen.
Ein fader Bekleidungseinheitsbrei, wie ihn die Mehrheit im gärtnerischen Detailhandel derzeit pflegt, mag diesen Anspruch niemals erfüllen. Im Gegenteil: Die Arbeitsbekleidungen in unserer Branche werten unsere Kompetenzen in Bezug auf vielfältige Ästhetik und naturverbundene Leidenschaft ab. Sie machen uns zu uninspirierten Warenverwaltern. Nur weil wir die Farbe Grün tragen, glauben wir, Identifikation mit der Tradition unserer Fachkompetenzen herstellen zu können. Was für ein Trugschluss! Der Aufwand, diesen bescheidenen ersten Eindruck kreativ und frisch zu gestalten, ist jedoch erheblich.
Beispiele zur Inspiration
Ähnlich der grünen Schürze der Gärtnerinnen und Gärtner war bei den Golferinnen und Golfern einst die karierte Hose ein eindeutiges Gemeinschaftsmerkmal. Irgendwann ist aus diesem vielfältig zu interpretierenden Erkennungsmerkmal ein auf «Functional Wear» basierter, fader Einheitsbrei geworden. Aus schierer Verzweiflung um den Verlust der Exzentrik haben einige verrückte Golfer der grassierenden Standardisierung ihre «Golfickers»-Vereinigung entgegengestellt. Aus diesem fröhlichen «Unfug» ist eine erfrischende Bewegung entstanden, die ihrer Leidenschaft allzu gerne durch frivole Verkleidung stilvoll Ausdruck verleiht.
«When tradition bites into mischief, a new breed is born.»
Wenn Tradition auf Unfug trifft, entsteht etwas ganz Neues.
Mittlerweile arbeiten die Golfickers mit namhaften Modemarken zusammen und kreieren Golfsport-bezogene Kollektionen. Im Verbund gelingt es, Tradition und Anarchie so zu vermählen, dass ein zuweilen angestaubt wirkendes Umfeld durch Mode eine vitalisierende Verjüngungskur erfährt. Ähnlich «auf die Schippe genommen» wurde die Hotellerie durch die Marke «Late Checkout». Gegründet 2019 von Antón Álvarez und Alex Turrión, folgt Late Checkout einem Lebensentwurf rund um Reisen, unaufhörlichem Arbeitseinsatz und unvergesslichen Partys. Die in Madrid ansässige Modemarke fokussiert mit ihrem wegweisenden Mantra «Late Checkout Issa Lifestyle» einen modern-exzentrischen Spirit. Damit bringt sie einen kosmopolitischen Stil in die Mode, mit dem sie ähnlich wie Golfickers moderne Exzentrik mit Vintage und Erinnerungen vermählt.
Auch Late Checkout interpretiert einen missionsorientierten, charaktervollen Zugang zur Mode. Die Kollektionen orientieren sich an einem zauberhaften, imaginären Hotel, in dem sich Mitarbeitende und Gäste stilprägend sowie mit eigenständiger Persönlichkeit begegnen. Das sich ständig weiterentwickelnde Narrativ offenbart die sich im Hotelumfeld tummelnden Beteiligten und erweckt deren erlebnisbildende Einzigartigkeit. Von den flüchtigen Augenblicken in der Lobby bis zur Chaotik hinter den Kulissen verleiht die Marke allen erdenklichen Gegebenheiten einen spielerischen, leicht rebellischen Charakter.
Beide Marken orientieren sich unverschämt am Narrativ einer spezifischen Umgebung, machen deren Mode fröhlich und nehmen sich selbst nicht allzu ernst. Gleichzeitig schaffen sie dem Zeitgeist entsprechende, sehr ansprechende Mode.
Wer es etwas einfacher mag, findet zum Beispiel auch beim britischen Community Clothing Kollektiv tolle Inspiration.
Warum nur bleiben wir im gärtnerischen Umfeld so prüde und nutzen nicht die Gunst der Stunde? Es sollte doch möglich sein, die Mitarbeitenden von der Notwendigkeit eines stilprägenden Outfits zu überzeugen. Wie sonst wollen wir uns im stationären Handel angesichts aller digitalen Revolutionen behaupten, wenn nicht mit einer Prise Exzentrik, Schalk und Anarchie am eigenen Leibe? Zur Sicherung ihres Arbeitsplatzes und ihrer Daseinsberechtigung müssten doch eigentlich alle Mitarbeitenden gegen langweilige Arbeitsbekleidung aufbegehren.
Mehr denn je gilt es, dem stationären Handel mit mutiger Dramaturgie gleichzeitig analogen Erlebnischarakter und KI-unterstützte Kompetenz zu verleihen. Hierbei werden die Mitarbeitenden die wichtigste Rolle spielen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne Mut zu mehr Kreativität und Vielfalt bei der Arbeitsbekleidung wird dies nicht gelingen.
Wer möchte sich direkt zu diesem Thema inspirieren lassen?
Der beste Ort, um stilprägende Mode im Arbeitsumfeld zu erleben, ist Tokio. In Japan ist die Interpretation von Mode an Exzentrik kaum zu übertreffen. Im Oktober 2027 lädt der Japanische Garten-Center-Verband die Branche zum internationalen Garten-Center Kongress nach Tokio ein, um gemeinsam zu erleben, wie mit etwas Mut und Phantasie Fröhlichkeit entstehen kann.






