Umsetzungs- oder Erkenntnisproblem?
Hammertime² als Weckruf
Mitte Juni hat der Belgier Thierry Coeman im Rahmen des Global DIY Summit 2026 in Amsterdam seinen nach fünf Jahren überarbeiteten Leitfaden «Hammertime» präsentiert. Die vielfältigen Herausforderungen der Home-Improvement- und DIY-Branche werden darin frisch sortiert und in thematische Handlungsfelder eingeordnet.
Hammertime² liefert einen ganzheitlichen und zusammenhängenden Rahmen zu aktuellen Herausforderungen und Handlungsoptionen. Wie immer bleiben solche Abhandlungen eher abstrakt, was von Praktikern der Branche schnell kritisiert wird. Dementsprechend bleibt die Resonanz aus Baumarkt-Kreisen zurückhaltend. Ich leite daraus ab, dass sich die Baumarkt-Branche der zusammengefassten Themen bewusst ist und es bei den Inhalten somit kein Erkenntnisproblem gibt. Vielmehr gibt es ein Umsetzungsproblem, weil die systematische Herangehensweise für die Konzerne aufwändig und zeitintensiv ist.
Umso interessanter ist Hammertime² für die Garten-Center-Branche. Das White Paper ermöglicht einen kompetenten Einblick in die Zukunftswerkstatt der grossen Mitbewerber, als Einladung, sich mit deren Strategien auseinanderzusetzen. Denn im Gegensatz zur Baumarktbranche scheinen mir die Garten-Center am Erkenntnisproblem zu kranken. Allenthalben wähnt man sich gegenüber den Baumärkten in einer überlegenen Positionierung. Dabei wird übersehen, was sich dort im Hintergrund tut, um jenen neueren Herausforderungen zu begegnen, die für alle Marktteilnehmenden identisch sind.
Das strategische White Paper von Thierry Coeman zeichnet ein nachvollziehbares Bild einer Branche im Umbruch: Preistransparenz, digitale Beschleunigung und neue Selbsthilfekompetenzen der Kundschaft lassen viele der klassischen Differenzierungsmerkmale erodieren. Die Antwort darauf beschreibt Coeman als Konvergenz-Modell: das Ineinanderfliessen von Wissen, Produkt, Service, Community, Technologie, Logistik und Nachhaltigkeit zu einem integralen Wertschöpfungssystem.
Der Preis bleibt wichtig, verliert jedoch seine differenzierende Kraft. Auch deshalb muss der physische Laden vom reinen Verkaufspunkt zu einem Wertmotor umgebaut werden, der Vertrauen, Erlebnis und Problemlösung empathisch vereint. Gleichzeitig gilt es, Partnerschaften zwischen Handel und Lieferanten von margengetriebener Verhandlung zu echter Co-Creation zu entwickeln, einschliesslich transparenter Datenteilung und gemeinsamer Innovation. Eine kohärente Markenarchitektur, in der Eigenmarken und Herstellermarken sinnvoll zusammenwirken, sowie die Erschliessung neuer Erlösquellen wie Services, Weiterbildung, Retail-Media oder datenbasierte Dienstleistungen sind dabei unerlässlich. Kennzahlensysteme, die über Umsatz und Margen hinausgehen, müssen um Kundenlebenswert, Service-Adoption und Nachhaltigkeitsindikatoren erweitert werden. Auch Nachhaltigkeit darf nicht länger als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern muss als skalierbarer Geschäftsansatz integriert werden. Zum Beispiel durch Reparaturmodelle, die Gebrauchtes frisch in den Wertschöpfungskreislauf bringen.
Bezüglich der Anpassung und Umsetzung zeigen sich Baumärkte erstaunlich experimentierfreudig. Sie sind bereit, interne Silos aufzubrechen und funktionsübergreifend frische Ansätze zu testen, die nach einer Lern- und Entwicklungsphase skaliert werden können. Damit nähern sie sich immer mehr den ehemaligen Alleinstellungsmerkmalen der Fach-Garten-Center an. Letztere müssen sich «warm anziehen», um von den vermeintlich rückständigen Baumärkten nicht plötzlich links überholt zu werden. Die Kernbotschaften von Hammertime² könnten ein Weckruf sein.
PS: Apropos “Weckruf”… Eine schöne Analogie in Ableitung von “Too big to fail” hat Jörg Neumann dazu publiziert:
…oder in den Worten von Ryan Carlisle:
“Innovation means viewing yourself as an outsider. Even if you’re an industry leader, deeply embedded in din the space, with a long lineage, you must constantly question your beliefs, and return to first principles, N=1 thinking.
Within that, is a willingness to take risks, and accepting the potential that you’re wrong, but for every 9 misses, you may just find 1 hit that changes the game for you and your brand.”
Das White Paper Hammertime² (in Englisch) von Thierry Coeman steht Abonnentinnen und Abonnenten nachfolgend zur Verfügung.




