«Sex in the Garden» oder «Erotik @ Chelsea»
…und was Gartenzwerge damit zu tun haben.
Ein schönes Déjà-vu überkam mich, als die königlich britische Gartenbaugesellschaft RHS offenbarte, dass ein Themengarten der Chelsea Flower Show 2026 dem Thema Sex gewidmet und von einer Sponsorin unterstützt wird, die mit Vibratoren ihr Geld verdient.
“HORNYCULTURE: Chelsea Flower Show to feature SEX GARDEN for first time in ‘new era’ for iconic event” (‘The Sun’)
Als ich Mitte der 90er-Jahre die Bühnen der Gartenbranche bespielen durfte, tingelte ich als Jungspund mit meinem Vortragstitel „More Sex, Drugs and Rock & Roll for the Garden Industry” durch die Welt.
Im eigenen Familienunternehmen bin ich berüchtigt und kritisiert, der Zeit voraus zu sein. Einmal mehr war ich 30 Jahre zu früh mit einer Erkenntnis. Ich darf ja kaum erwähnen, dass ich mich damals fast mit Jacqueline Gold geschäftlich „ins Bett legte”, um mit der Idee schwanger zu werden, im Garten-Center eine Abteilung für Erotik-Artikel zu initiieren.
Jacqueline hatte damals ziemlich frisch das familieneigene Erotikunternehmen Ann Summers von ihrem Vater übernommen. Wir fanden am Rande einer Tagung des Britischen Garten-Center Verbandes zusammen, wo sie Referentin war. Schnell wurde uns bewusst, dass unsere Geschäftskonzepte dieselbe Zielgruppe anvisierten: Familienfrauen.
Zurück zu Hause wagte ich lediglich meine Mutter in meine frivolen Ideen einzuweihen. Sie verblüffte mich mit spontanem Zuspruch und ihrer eigenen Idee für eine Modeschau mit erotischer Damenunterwäsche, die wir kurz darauf gemeinsam in die Tat umsetzten. Und an besagtem Abend durften wir den Beweis erbringen, dass Erotik und Garten – was die Zielgruppe betrifft – generationenübergreifend ein „perfect match” sind.
Leider – oder zum Glück für unser Umfeld – waren wir zu prüde, um diesen Faden weiter zu verfolgen. Ein anderer, wohl entscheidender Grund hierfür war, dass dem Gartenmarkt damals auch ohne Frivolität Wachstum beschert war.
Heute präsentiert sich die Ausgangslage anders. Der Gartenmarkt stagniert und sieht sich seiner einst konkurrenzlosen Attribute beraubt. Jegliches Handelsformat umarmt in Anbetracht des virtuellen Wettbewerbs mittlerweile die Kundschaft mit Einkaufserlebnis, Genuss sowie Naturverbundenheit. Auch deshalb müssen sich die gärtnerischen Marktteilnehmenden die Frage gefallen lassen, ob sie sich in ihren Wohlfühlkonzepten mittlerweile wohler fühlen als ihre Zielkundschaft. Etwas „out of the box” – oder „über den Gartenzaun hinweg” – denken würde wieder guttun.
Selbstverständlich wird es nicht das Erotik-Zubehör sein, das im Gartenmarkt frische Wachstumsdynamik anregt – obwohl es in seinem Kern ja eigentlich perfekt in die erwähnten Attribute Erlebnis, Genuss und Natur einzahlt. In Bezug auf die Themengärten der Chelsea Show 2026 vermag der Sex-Garten jedenfalls deutlich mehr Aufmerksamkeit zu erregen als die von König Charles und David Beckham mitgestalteten Gärten (z. B. im ‘The Telegraph’ oder ‘The Guardian’). Selbst die gleichzeitige Ankündigung der Aufhebung des Gartenzwerg-Verbots für das ehrwürdige Ausstellungsgelände im mondänen Londoner Stadtteil Chelsea erzeugt nicht weniger Aufsehen.
Um sich nicht sofort aufs Spielfeld der Erotik zu begeben, könnten Garten-Center vielleicht mit den Gartenzwergen beginnen, ihr verstaubtes Image aufzufrischen. Einst galten Gartenzwerge auch für Garten-Center als zu bieder – mittlerweile scheint sich das Blatt zu wenden.



