Lügentour durchs Garten-Center
Verkaufsmitarbeitende als Rangerinnen und Ranger
Im Verkauf werden wir mittlerweile immer öfter mit vorinformierten Kundinnen und Kunden konfrontiert, welche auf digitalem Wege an Informationen gelangt sind, deren Wahrheitsgehalt wir mit unserer Erfahrung hinterfragen. Die Kompetenzen von Menschen und Maschine stehen in Konkurrenz.
Aber wer mag es der Kundschaft verübeln? Auch ich selbst bin noch nicht ausreichend geübt, Informationen jederzeit kritisch hinterfragen zu müssen. In einer Welt zu leben, in der es gefühlt jeden Tag 1. April zu sein scheint, ist anstrengend. Dauernd zu filtern, wo eine „Lüge” verborgen sein könnte, bin ich noch nicht gewohnt.
Ein charmanter Weg, sich dieser neuen Herausforderung bewusst zu werden und sein kritisches Sensorium zu schärfen, ist die „Lügentour mit einem Ranger”. Sie wird zum Beispiel von den Griffin-Rangern der Greifensee-Stiftung veranstaltet.
Kennen Sie sich aus in der Natur – oder lassen Sie sich leicht hinters Licht führen? Prüfen Sie es auf unserer Ranger-Lügentour.
Auf der Ranger-Lügentour erwarten Sie verblüffende Geschichten über erstaunliche Tiere und Pflanzen, die es wirklich in sich haben … oder doch nicht? Unsere Ranger plaudern über Naturphänomene, die zu verrückt klingen, um wahr zu sein. Jetzt sind Sie dran: Erkennen Sie die echten Geschichten und durchschauen Sie die kleinen Flunkereien? Ein spannender Spaziergang für alle, die Spass an kniffligen Rätseln und verblüffender Natur haben. Seien Sie dabei und lassen Sie sich (nicht) täuschen!
Während der Ranger uns die Natur erklärt, sind wir Teilnehmende aufgefordert, zu intervenieren, wenn wir in seinen Ausführungen eine „Lüge” wittern. Wer eine solche korrekt erkennt und anspricht, darf sich eine Wäscheklammer anstecken. Wenn es sich jedoch um eine vermeintliche Lüge handelt und das Gesagte tatsächlich „wahr” ist, muss man sich einen bunten Bändel anhängen. Am Ende der Exkursion wird dann abgerechnet.
Am Anfang der Tour sind alle Teilnehmenden zurückhaltend; man will instinktiv vermeiden, einen Fehler zu machen, indem man für einen vermeintlich erkannten Fehler mit einem Bändel gebrandmarkt wird. Wenn der Ranger zum Beispiel Interessantes über Wildbienen berichtet und beiläufig erwähnt, dass es in der Schweiz 6’000 Arten davon gibt, braucht es Mut, zu intervenieren. Kann das sein? Man hinterfragt die Zahl, ruft geistig sein Wissen ab, vergleicht mit anderen Arten, fasst sich ein Herz und meldet sein Veto an. Und wird belohnt: Tatsächlich sind es 600 und nicht 6’000 Wildbienenarten in der Schweiz. So verdient man sich seine erste Wäscheklammer und ist ein bisschen stolz. Gleichzeitig lernt die ganze Gruppe mit. Einige waren ob der Zahl ebenso skeptisch. Man unterhält sich über die eigenen Gedankengänge und so werden die Sinne gemeinschaftlich geschärft.
Torfmoos wächst 1 cm pro Jahr und es braucht 100 Jahre für eine Torfschicht von einem Meter. Viele Fragezeichen in den Augen der Zuhörenden. Ja, Moos wächst doch ziemlich schnell. 1 cm pro Jahr scheint realistisch. Aber nur 100 Jahre für einen Meter? Lüge! Ein intaktes Moor wächst lediglich um ca. 1 Millimeter pro Jahr in die Höhe, was bedeutet, dass sich 1 cm Torf in etwa 10 Jahren bildet, aber 1 Meter Torf über 1’000 Jahre benötigt. Man hat sich eine weitere Wäscheklammer verdient.
„Biber markieren ihr Revier mit sogenanntem ‚Bibergeil’, um Artgenossen über ihre Anwesenheit zu informieren und Grenzen abzustecken. Diese Markierungen enthalten spezifische Informationen über den Biber, wie sein Geschlecht, das Familiengefüge und seine Identität.” Veto, das kann nicht stimmen; dass so viel Information in einem Duftstoff enthalten ist, muss eine Lüge sein. Falsch, es ist korrekt. Man hat sich einen Bändel verdient und erhält ergänzende Informationen zur faszinierenden Reviermarkierung.
Je länger der Rundgang dauert und man geistig herausgefordert ist, alle Informationen zu filtern sowie zu hinterfragen, desto mehr wird man sich bewusst, dass der Bändel der falsch interpretierten Lüge die wahre Auszeichnung ist. Etwas kritisch zu hinterfragen, sich dem Diskurs zu stellen und sich dadurch zu exponieren ist die Tugend, welche es zu verinnerlichen gilt – mehr denn je.
Mir wird bewusst, dass auch im Garten-Center-Umfeld dieser spielerische Umgang und Lerneffekt für Kundschaft sowie Mitarbeitende wertvoll wäre. Eine Lügentour durchs Garten-Center könnte als attraktive sowie lernreiche Unterhaltung breites Interesse wecken und sensibilisieren. Es ist ohnehin wünschenswert, dass sich Verkäuferinnen und Verkäufer zukünftig eher als Rangerinnen und Ranger verstehen.
Ranger und Rangerinnen informieren und pflegen. Sie vermitteln zwischen Menschen und Natur, lenken Besucherströme und überwachen Schutzbestimmungen. In Anbetracht der Digitalisierung und sich verändernden Sortimenten wird dies auch für Garten-Center-Mitarbeitende immer mehr zur Hauptaufgabe: Mehr Rangerin als Verkäuferin. Keine besserwissenden Berater, welche vom schleichenden Verlust des Alleinstellungsmerkmals einer gärtnerischen Allwissenheit genervt sind und sich dadurch von der Digitalisierung bedroht fühlen. Ihre Rolle wandelt sich, aber ihre Kompetenzen sind wichtiger denn jeher.




