Kaffeekranz oder Überlebensstrategie?
Eine Erwiderung an einen guten Kollegen.
Lieber Tjards,
„Hat da jemand seine Zähne verloren?” ist mir durch den Kopf geschossen, als ich in der Sommerausgabe der Fachzeitschrift DEGA GRÜNER MARKT Deinen Kommentar las. Üblicherweise kommentierst Du die Entwicklung der Branche wenig zimperlich. Daher dachte ich, der Titel Deiner Kolumne „Zum Kaffeekranz ins Garten-Center” sei ein ironischer Einstieg zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der schleichenden Vergastronomierung der Erfolgsrezepte von Garten-Centern. Aber weit gefehlt. Du meinst es ernst mit Deinem Titel und stellst der Transformation von Kompetenzorten zu Autobahnraststätten nichts entgegen.
Zeitgleich mit der Entstehung der ersten Selbstbedienungskonzepte um Baumärkte und Garten-Center haben sich in Europa die Autobahnraststätten zu sozialen Treffpunkten entwickelt. Sie dienten als kontrollierte Orte zum Erholen. Vor deren Einführung gab es für Reisende kaum verlässliche Verpflegungsmöglichkeiten, und es entstand der Bedarf an planbaren, sauberen Essensstationen. Tanken wurde irgendwie nebensächlich. In ähnlicher Weise werden heute Pflanzen in Garten-Centern nebensächlich und verkommen zum Alibi sowie zur Dekoration.
Um Autobahnraststätten die Ehre zu erweisen, sei rühmend die familiengeführte Raststätte Tebay Services in Englands Lake District erwähnt. Viele Besuchende machen dort gezielt Halt, ohne zu tanken, weil sie Qualität, Atmosphäre und den Farm Shop suchen, was Tebay zur einzigartigen Destination statt einer gewöhnlichen Rastanlage macht.
Ohne die Gastronomie als Rettungsanker zu umarmen, sehe ich auch keine Überlebenschance für Garten-Center. So weit bin ich mit Deiner Konklusion einverstanden, dass es fatal wäre, „in einer Zeit des Wandels nicht über Veränderungsoptionen nachzudenken”. Dieses Nachdenken muss bezüglich Gastronomie im Garten-Center jedoch über den eigenen Tellerrand hinausgehen – mindestens über den Kaffeekranz hinaus.
Wer als Garten-Center einen Umsatzanteil der Gastronomie von 15–20 % anpeilt und hierfür einen ähnlichen Anteil an Verkaufsfläche investiert, muss gut darüber nachdenken, welchem Mehrwert für das Narrativ des eigenen Konzepts das Gastronomieangebot verpflichtet ist. Ansonsten verkommt dieses schleichend zur schön dekorierten, jedoch seelenlosen Verpflegungsstation. Statt eines Restaurants im Garten-Center muss eine Immersion von Gastronomie in gärtnerische Kompetenzfelder erfolgen.
Ich denke da zum Beispiel an die „Cider Bar” im The Newt in Somerset (UK), welche mitten am Hofplatz bei der Ernteanlieferung als „al fresco”-Konzept Erntedank sowie Eigenproduktion thematisch aufnimmt und kulinarisch authentisch untermalt.

Oder die „Casa Ría” in Santiago de Compostela, wo der britische Architekt David Chipperfield erlebbar macht, warum gute Architektur nicht nur Gebäude, sondern auch Essen, Landwirtschaft und Gemeinschaft umfasst. (Danke, Philipp Teufel, für Deinen Hinweis darauf.)
„Casa Ría” wird als eine Lebensphilosophie wahrgenommen, in der die Elemente dem Ganzen Bedeutung geben: der Gemüsegarten, der Garten und die Cantina. Alles dreht sich um Land und Produkte.
https://www.ad-magazin.de/artikel/david-chipperfield-casa-ria-projekt
Oder Outdoor-Konzepte wie „Everyman in the Garden at The Grove”. Das ist die Pop-up-Installation im Garten des Grove Hotel in Hertfordshire (UK) als temporärer Gartenraum mit Kunstwerken und Open-Air-Kino, als Event-Space und Galerie-Ausstellung. Ein gemeinsamer Raum zur Kontemplation über das Leben, Schönheit und Vergänglichkeit – passend zum meditativen Charakter eines Gartens.
Lieber Tjards, in diesem Sinne kann ich mich mit dem Inhalt Deines Kommentars versöhnen. Aber bitte versprich mir, dass Du der Branche bald auch wieder die Zähne zeigst.
Herzlichst,
Erwin



