Gedanken um Einkaufstaschen
Sind ‚Tote' (-Bags) bald tot?
Niemand braucht eine zusätzliche Stofftasche. Wirklich niemand. Im Gegenteil: In allen Haushalten liegen sie in Überzahl herum, und man kommt nicht darum herum, immer wieder einige davon der Entsorgung zuzuführen.
Und trotzdem bleiben Stofftaschen allgegenwärtig. Sie dienen als Souvenir und Stil-Ausdruck. Susanna Schrobsdorff beschreibt deren erstaunliche Rolle sehr schön in ihrem Artikel The tote-bag economy is taking over retail.
Die Wandlung vom eher spiesigen Erkennungszeichen ökologisch bewussten Zeitgenossinen und -genossen hin zum Statussymbol einer individualistischen Konsumgesellschaft ist erstaunlich. Angetreten ist die Stofftasche als baumwolliger Protest gegen Einwegplastiktüten. Erst viel später kam die Erkenntnis, dass eine Baumwolltasche niemals so häufig wiederverwendet werden könnte, damit ihr ökologischer Fussabdruck im Vergleich zu Plastik kleiner würde. Doch es war bereits zu spät: Die Transformation zum Statussymbol hat die ökologische Sinnhaftigkeit obsolet werden lassen.
So bin ich selbst hin- und hergerissen, dem Trend nachzugeben und die vielfältigen Möglichkeiten zu umarmen, oder dem ökologischen Gewissen zu folgen und Zurückhaltung zu üben. Gleichwohl seien einige Gedanken zu etwas mehr Kreativität und Abwechslung bei Tragtaschen im Garten-Center erlaubt – quasi als Fan-Artikel für Gartengeniesserinnen.
Julia Werner und Max Scharnigg haben es in ihrem Artikel «Trag’s mit Fassung» für die Süddeutsche Zeitung schön zusammengefasst – einfach Garten-Center statt Bio-Märkte denken:
«Hiesige Bio-Märkte sind auch teuer, haben es aber bislang verabsäumt, zum Inbegriff urbanen Glamours zu werden. Bei aller Kostspieligkeit atmen sie ja immer noch was vom alten Reformhaus-Charme und einer durchgehend schrecklichen Schneekoppe-Corporate-Identity, die pflichtschuldig immer Möhren beinhaltet und Rapunzel-Leinsamen. Also, das taugt nicht wirklich als Distinktionsmerkmal.»
Unikate
“Turn your own drawing into memorabilia to take home with you.”
„Sketch Factory” heisst ein Konzept des internationalen Künstlerkollektivs TeamLab, welches immersive interaktive Kunstwerke erschafft, die Kunst, Technologie, Wissenschaft und Natur miteinander verbindet. Besucherinnen und Besucher dieser Installationen können Tiere und Pflanzen, die sie in „Graffiti Nature” selbst zeichnen, einerseits digital zum Leben erwecken und andererseits auf einer Tragetasche ganz individuell verewigen.
Das geht noch individueller, wenn Stofftaschen zum Beispiel selbst bestickt werden. Die schönste Umsetzung habe ich von der Illustratorin und Landschaftsarchitektin Alexandra Kaufmann gesehen. So ist Nachhaltigkeit definitiv sichergestellt.
Apropos besticken…
Fast ebenso exklusive sind die bestickten Organzataschen des japanisch-französischen Designer-Duos Brigitte Tanaka. Mittlerweile werden nicht mehr nur imaginäre Logos von Apotheken, Fischläden oder Bäckern auf das federleichte Material gestickt. Auch zahlreiche reale Marken nutzen den Nimbus dieser kleinen Kunstwerke für Fan-Artikel: Moulin Rouge, 10 Corso Como oder Merci Merci.
„E pluribus maximum”
Heute ist die Vielfalt an unterschiedlichen Materialien für Tragtaschen eindrücklich. Stellvertretend verweise ich hier als Beispiel auf das Sortiment von Package-line.ch. Die einzig wahre Nachhaltigkeit gibt es bekanntlich nicht. Warum nicht diese Vielfalt nutzen und der Kundschaft in Kombination mit entsprechenden Erklärungen die Wahl geben? Mit der passenden Kommunikation wird der ökologischen Verantwortung Kompetenz verliehen.
„E pluribus unum”
Den umgekehrten Weg geht IKEA. Die blaue FRAKTA-Tasche ist Kult. So sehr, dass es eigene Pop-up-Konzepte für die «ikonischste Tasche der Welt» gibt: Shops wie Kunstinstallationen, die sich einzig und allein um die allseits beliebte, blaue Kunststofftasche drehen. Zum Beispiel in London oder Zürich. Umso exklusiver erscheinen die dort ermöglichten Optionen der Individualisierung:
„Im Hus of FRAKTA finden interaktive Workshops statt. Yael Anders leitet das Recreate Lab mit einstündigen Upcycling-Sessions, in denen die Teilnehmer:innen die ikonische blaue Tasche bearbeiten und in neue Kreationen verwandeln können, um so die Wiederverwendung und Neugestaltung von Alltagsdesign zu fördern. Im Custom Lab können Besucher:innen ihre eigenen FRAKTA-Taschen in nur wenigen Minuten personalisieren und individuell gestalten.”
PS: Woher kommt die Bezeichnung «Tote Bag»?
Die Bezeichnung „Tote Bag” stammt aus dem amerikanischen Englisch, wobei das Verb „to tote” so viel wie „tragen” oder „schleppen” bedeutet. Es handelt sich um eine robuste, meist offene Tragetasche mit zwei Henkeln, die zwar im Prinzip auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, aber erst in den 1940er Jahren durch L.L.Bean populär wurde.







