Der verlorene Fokus
Was soll eine Internetseite leisten?
Internetseiten haben eine zusätzliche Zielgruppe und dadurch teilweise auch neue Aufgaben erhalten. Bis vor kurzem galt es lediglich, Menschen und Suchmaschinen zu informieren – ihnen Produkte zu vermitteln (Informationen, Reputation, Verkaufsartikel, Stimmung usw.). Heute sind KI-Bots als dritte Instanz dazugekommen. Deren effektive Bedürfnisse kennt derzeit noch niemand so richtig. Man weiss lediglich, dass sie da sind und von höchster Relevanz.
Um alle Anspruchsgruppen befriedigen zu können, werden Internetseiten ausgebaut – um nicht zu schreiben „aufgebläht”. Offensichtlich bemüht man sich, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen und über eine einzelne URL zu bedienen. Was dabei derzeit herauskommt, ist für mich als Mensch nicht mehr befriedigend.
Das Bestreben, alle Bedürfnisse über eine einzelne Plattform zu bedienen, führt zu unübersichtlichen und ausufernden virtuellen Irrgärten, in welchen sich lediglich noch Bots zurechtfinden. In der Konsequenz wenden sich Nutzende schneller von diesen überfordernden Webseiten ab und übermitteln ihre Fragen und Wünsche lieber direkt an übersichtlichere KI-Plattformen.
Es geht in die Richtung der „intolerable abundance” (unerträgliche Überfülle), wie sie von Herbert Simon so treffend beschrieben wurde. Der Begriff bezieht sich auf Situationen, in denen ein Übermass an Informationen, Technologie oder Möglichkeiten zu negativen Konsequenzen führt – etwa durch kognitive Überlastung oder die Erschöpfung menschlicher Aufmerksamkeitskapazitäten.
Somit ist es nicht verwunderlich, dass KI zunehmend die markenunabhängige Beratung ersetzt. Anleitungen, Tipps & Tricks werden nicht mehr über die Internetseite einer spezifischen Marke beschafft. Erst um die dort gewonnenen Erkenntnisse zu verifizieren, bedarf es im Nachgang (hoffentlich) noch menschlicher Interaktion. Diese menschliche Instanz muss jedoch mit viel Kompetenz zu überzeugen wissen. Überladene Internetpräsenzen, die möglichst „laut” Online-Shop-Sortimente, Veranstaltungsankündigungen und Tipps aneinanderreihen, scheitern hier.
Der Algorithmus belohnt nicht mehr die Lautstärke. Er belohnt die Resonanz.
Und wer Menschen mit inhaltsleeren Inhalten zuschüttet, darf keine solche erwarten. Resonanz bedarf Stimmen, denen die Menschen vertrauen, Perspektiven, die sie noch nie zuvor gehört haben, und kreativen Ansätzen, die nicht kopiert werden können.
Ein Online-Shop hat damit zunächst nichts zu tun. Dieser befriedigt Convenience-Bedürfnisse. Emotion ist nicht sein Ding – ausser, er stellt handwerkliche Qualität als neuen Massstab für Glaubwürdigkeit in den Mittelpunkt. Das bedeutet: Der Entstehungsprozess, die Überlegungen und Entwicklungsschritte werden dokumentiert, nicht nur das Endergebnis. Handwerkliche Qualität fasziniert mehr denn je, weil sie beweist, dass hier ein Mensch am Werk war. So kann auch ein Online-Shop Resonanz ermöglichen.
Dadurch wird epistemische Autorität aufgebaut, welche Kompetenz, Darstellung und Integrität verbindet und maximale Glaubwürdigkeit erzielt. Denn der Signalwert reiner Kompetenz (Fachwissen, Spezialisierung, formale Credentials, Erfahrung) nimmt im KI-Zeitalter kontinuierlich ab. Im gleichen Ausmass steigt die Relevanz klarer Darstellung (Kohärenz, Struktur, ästhetische Aufbereitung, soziale Validierung). Zahlreiche Internetpräsenzen versagen hier, weil offensichtlich der Fokus verloren ging.


